Gleichberechtigung:
Empowerment in Deutschland

Frau weiß, was Frau wünscht! – Das Bild einer modernen Frau in Deutschland

„Bauknecht weiß, was Frauen wünschen“, warb der gleichnamige Küchenmaschinenhersteller einst. Heute wirkt dieser Slogan seltsam antiquiert, impliziert und verabsolutiert er doch ein sehr traditionelles Rollenbild. Diese „Heimchen-am-Herd“-Vision der deutschen (Haus-)Frau ist heute längst aus der Zeit. Dennoch wurde dieser Claim erst 2010, nach sage und schreibe 50 Jahren, in Rente geschickt. Umfragen hatten gezeigt, dass sich vor allem junge Frauen mit dem implizierten Frauenbild nicht mehr identifizieren konnten. Doch was ist das moderne Frauenbild in der Bundesrepublik?

Feminismus als Empowerment für die moderne Frau

Feminismus ist eines dieser Worte, die man bloß in den Mund zu nehmen braucht, und schon hat man das herrlichste Streitgespräch auch in der langweiligsten Kaffeerunde entfacht. Zwischen einem „klassischen“ Feminismus und etwas offeneren Ideen von „Empowerment“ deckt der Begriff Feminismus vieles ab, ist teils selbstverständlich und teils noch immer Stein des Anstoßes. Je nachdem eben, was man darunter versteht.

Begreift man Feminismus als Empowerment, kann man wohl noch die größte gesellschaftliche Zustimmung erzielen. Der Begriff „Empowerment“ stammt bekanntlich aus der Entwicklungszusammenarbeit – und bezeichnet dort das Ansinnen, die Menschen vor Ort in den Entwicklungsländern durch gezielte Maßnahmen in die Lage zu versetzen, sich selbst zu helfen und autonom zu agieren. Seit der Internationalen Frauenkonferenz in Peking 1995 wird der Begriff auch auf das Geschlechterverhältnis übertragen und bedeutet damit letztlich nichts anderes als ein Machtgleichgewicht zwischen den Geschlechtern. Dies gilt als Ziel für Entwicklungsländer, aber gleichermaßen als Ziel für Industrienationen wie die BRD. In wie weit aber entspricht dies dem Selbstbild moderner Frauen in der Bundesrepublik – oder ist nur eine politische Zielgröße?

Kontinuierliches Chancenwachstum

Bevor wir uns dieser Frage genauer zuwenden, ist es vielleicht nicht verkehrt, einen Blick darauf zu werfen, wie das Leben deutscher Frauen aussieht und welche Möglichkeiten sie haben. Juristisch gesehen ist die Gleichstellung in der Bundesrepublik längst Realität – bei Studienwahl oder Berufswahl gibt es formal juristisch keine Einschränkungen mehr. Und obgleich noch immer manche Domänen eher „Männerdomänen“ geblieben sind, finden sich auch immer mehr Frauen in beispielsweise ingenieurwissenschaftlichen Studiengängen.

Ungleich ist zwar nach wie vor die Bezahlung: Für dieselbe Tätigkeit liegt der Verdienst von Frauen manchmal deutlich unter dem von Männern. Und nach wie vor beklagen Frauen, die eine Unternehmenskarriere anstreben, dass sie Schwierigkeiten haben, über Positionen im mittleren Management hinaus aufzusteigen – ein Phänomen, das gemeinhin als „Gläserne Decke“ bezeichnet wird. Andererseits kann man auch beobachten, dass die Anzahl weiblicher Gründerinnen deutlich ansteigt. 2015 waren 43% der Unternehmensgründer Frauen – noch 2001 waren es nur 37%. Ein möglicher Grund: In einem Geschäft, dass ich selbst gründe, kann es keine Gläserne Decke geben – und keine unfairen Löhne.

Insgesamt also zeigt sich, dass formale Gleichstellung noch nicht überall auch eine praktische Gleichstellung bedeutet und dass es noch immer Bereiche der Gesellschaft gibt, in denen die Gleichheit der Geschlechter kulturell nicht verankert ist. Gleichzeitig ist zu beobachten, dass Frauen zunehmend auch alternative Wege gehen, um sich beruflich zu verwirklichen – beispielsweise eben durch eine Unternehmensgründung.

Familie und Beruf

Bisher nun haben wir einen wesentlichen Aspekt aus der Betrachtung ausgeklammert: den der Familie. Denn eines der Themen im Zusammenhang mit Feminismus und Frauenbild ist die Frage nach der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Obgleich Frauen in gehobenen Positionen öfter kinderlos bleiben als Frauen in untergeordneten Positionen oder Hausfrauen, streben durchaus viele „Karrierefrauen“ auch die Gründung einer Familie an.

Frauen, die Familie und Beruf vereinen, stehen, wie jüngste Statistiken belegen, stehen vor einer großen Mehrfachbelastung. Dieser Spagat zwischen Familie und Beruf ist mit Schwierigkeiten verbunden, aber gesellschaftlich und beruflich gibt es zunehmend mehr Förderung für junge Familien. Der Grund lässt sich wohl in dem Gedanken zusammenfassen: Frauen sollen auch nach der Mutterschaft ihre Unabhängigkeit wiedererlangen.

Deswegen gibt es auch in der Bundesrepublik viele Frauen, die diesen Spagat schaffen, beispielsweise auch, weil die Ehemänner in Elternzeit gehen oder eine gute Betreuung für das Kind durch andere Familienangehörige oder in der Kita gewährleistet ist.

Insofern ist, was das Frauenbild und die Rollenverteilung zwischen den Geschlechtern anbelangt, in der BRD vieles im Fluss. Zunehmend ist akzeptiert, dass Frauen sich für eine Karriere ohne Familie, für Karriere und Familie oder eben auch nur für die Familie entscheiden.

Was also macht das moderne Frauenbild aus?

Und dieses Im-Fluss-Sein, die Vielschichtigkeit ist vielleicht gerade das, was das moderne Frauenbild in der Bundesrepublik besonders auszeichnet. Denn es gibt nicht den einen Lebensentwurf für Frauen, der von Anfang an festgelegt ist. Viele Frauen streben sicherlich keine große Karriere an und sind mit einer klassischen Angestelltentätigkeit zufrieden. Viele Frauen möchten auch nicht Ingenieurinnen oder Bauarbeiterinnen werden. Aber der entscheidende Punkt ist, dass sie es könnten, wenn sie es wollten. Während es noch vor 50 Jahren gang und gebe war, dass Frauen eben heiraten, Kinder bekommen und Hausfrauen sind, ist dies heute eine unter vielen Optionen.

Im Grundsatz also ist das moderne Frauenbild in der Bundesrepublik flexibel. Es fördert, ermöglicht und akzeptiert verschiedenste Lebensentwürfe. In gewisser Hinsicht kann man gerade diese vielfältigen Wahlmöglichkeiten als Empowerment im eigentlichen Sinne begreifen – als die Option nämlich, sein Leben jenseits vorgeschriebener Rollenmuster zu gestalten. Es kann nicht die Aufgabe des Feminismus sein, jede Frau zur Karrierefrau zu machen oder sie, einfach nur aus Prinzip, in einen Männerberuf zu drängen; vielmehr ist die Freiheit zur Wahl des eigenen Lebensentwurfs wohl der beste Beleg für ein ausgewogenes Machtverhältnis der Geschlechter.

Wie ist dieser Lebensstil gesellschaftlich und kulturell verankert?

Obschon politische Direktiven manchmal sehr weit von der gesellschaftlichen Wirklichkeit entfernt wirken mögen: Die Grundvoraussetzung, damit Frauen diese Freiheit zur Wahl haben und behalten können, liegt in einem juristisch und politisch verankerten Gleichheitsgedanken. Die BRD ist hier sicherlich bereits recht weit gekommen. Dennoch ist es wichtig, nicht nur auf die Gesetzeslage zu schauen, sondern auch politisch diesen Gleichheitsanspruch im Blick zu behalten. Es muss sich auch zukünftig in der Bildung von Kindern und Jugendlichen – und also auf dem Stundenplan – wiederfinden. Nur, wenn Kinder und Jugendliche die Gegenseitigkeit der Handlungsfreiheit und verschiedener Perspektiven zu akzeptieren lernen, kann eine moderne Anschauung auch langfristig als kultureller Wert verankert werden und bestehen bleiben.

Ein Blick über den Tellerrand – und in die Zukunft

Mit der Zuwanderung aus anderen Kulturen kommen auch anderskulturell geprägte Lebensentwürfe in die BRD. Dies sollte aber nicht als Bedrohung, sondern vielmehr als Bereicherung gesehen werden. Integration muss hier heißen, dass Zuwanderer beider Geschlechter das moderne, offene Frauenbild in der Bundesrepublik kennenlernen und akzeptieren. Konservativere Frauenbilder müssen, soweit sie nicht dem deutschen Recht widersprechen, ebenso als alternative Lebensentwürfe gesehen und akzeptiert werden wie alle anderen Lebensentwürfe. Zugleich sollten Zuwanderinnen ermutigt werden, ihre bisherige Rolle nicht als vorgegeben zu begreifen, sondern sich in der Kenntnis ihrer Möglichkeiten bewusst für einen Lebensentwurf zu entscheiden.

Aller Unkenrufe zum Trotz, die einen „neuen Konservativismus“ verheißen: Es spricht alles dafür, dass das Frauenbild in Deutschland nicht in das Jahr 1950 zurückkehrt. Es spricht aber auch einiges dafür, dass es Frauen gibt, die dieses traditionelle Rollenbild leben möchten. Und auch das muss man respektieren.

Dennoch gehen Freiheiten verloren, wenn sie nicht gepflegt werden. Und so ist jeder Einzelne aufgerufen, dazu beizutragen, dass das Themenfeld Gender, Gleichstellung und Empowerment nicht aus dem Blick gerät – oder politisch in Frage gestellt wird.

Sicherlich erfordert es Mut, um ein selbstbewusstes Bild zu vertreten – gerade weil es ein recht junges Frauenbild ist. Doch es gibt keinen Grund es nicht zu tun. Gerade dieser Prozess sorgt für mehr Zusammenhalt in der Gesellschaft.

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|| Last change: 26-05-2018
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